Wasserrad und Wollschlüpfer: Ein Streifzug durch die Mühle in Bad Westernkotten
Bad Westernkotten – Das Grundstück am Bad Westernkötter Schäferkamp wirkt fast schon etwas verwunschen – so, als wäre die Zeit stehen geblieben. Tief hängen die Zweige der stattlichen Trauerweide, die nahehzu die gesamte Wassermühle verdeckt. Der Baum steht seit mehr als 100 Jahren dort, weiß Stefan Wiesner. Bereits auf einem Foto von 1910 sei er abgebildet.
Dahinter verbirgt sich ein echtes Schmückstück. Oft seien Mühlen „graue, unansehnliche Gebäude“, meint der Mühlenführer. In diesem Fall hätten die Erbauer allerdings ein „kleines Schlösschen hingesetzt“.
Apropos, Erbauer: Seit fast 300 Jahren ist das Denkmal Teil des Dorfbildes – genauer gesagt seit 1738. Damals wollten die Bad Westernkötter ihr Getreide nicht mehr mühsam nach Erwitte karren. Mit Wasserkraft verwandelte die Schäferkämper Mühle bis 1928 Korn zu Mehl – mit sogar zwei Wasserrädern, erklärt Rolf Eggeringhaus vom Heimatverein.
Bis zu fünf Stunden am Stück konnte die Mühle durchmahlen, sagt Stefan Wiesner. Danach musste der Bach erst wieder aufgestaut werden, um die Wasserräder anzutreiben. Das bedeutete, dass der Müller auch mal Nachtschichten einlegen musste. Durch eine „Geheimtür“ im Schlafzimmer kam er direkt vom Bett zu seinem Arbeitsplatz.
Nachdem der letzte Müller gegangen war, zog bis 1989 ein Frauentrio ein, das nur noch in der Mühle wohnte, diese aber nicht mehr betrieb. Obwohl das eigentlich verboten war: Per Vertrag hatte sich der Erbauer einst verpflichtet, eben kein Wohnhaus zu bauen. Diese Regel überging er mit einer List: Er richtete einfach in der Mühle selbst die Wohnung ein – und machte sie damit einzigartig in Nordrhein-Westfalen.
Die Wohnung hat es Anette Sellmann angetan, die ebenfalls regelmäßig durch das Denkmal führt – etwa beim Deutschen Mühlentag (siehe Infokasten). Die Zimmer wirken ein bisschen wie eine Puppenstube. In der Küche sucht man so etwas wie einen Elektroherd vergeblich. Und auch die anderen Räume wirken wie aus der Zeit gefallen. Im Schlafzimmer liegt zum Beispiel ein riesiger Wollschlüpfer auf dem Bett, der allein schon beim Hingucken kratzt. „Daher kommt auch der Name Reizwäsche“, erklärt Sellmann. Eben, weil sie die Haut reizt.
Bis zu ihrem Tod lebte Lina Thiemann, die letzte Mühlenbewohnerin, ohne fließend warmes Wasser, dafür aber mit Plumpsklo. Die Mühle vermachte sie an die Mutter-Teresa-Stiftung, die es wiederum verkaufen wollte. Auch wenn viele Interessenten dort eine Gastronomie einrichten wollten, erhielt die NRW-Stiftung den Zuschlag. Die wiederum gab die Renovierung und Betreuung in die Hände des Heimatvereins, der sich bis heute darum kümmert. Seit 1994 ist das Denkmal für die Öffentlichkeit zugänglich.
Mehr Fotos unter
www.derpatriot.de
+++ Mühlentag +++
Zum Deutschen Mühlentag lädt der Heimatverein Bad Westernkotten am Pfingstmontag, 9. Juni, ein. Von 11 bis 17 Uhr ist das Denkmal für Führungen geöffnet. Beide Mahlwerke sind dann in Betrieb. Außerdem gibt es diverse Stände mit Backwaren, Honig, Obstbränden, Kunsthandwerk und mehr. Auf die Gabel gibt es unter anderem Kartoffelwaffeln.
